Der Künstler Isaac Julien in einem schwarzen Anzug vor einer spiegelnden Wand oder Schaufenster.

What Freedom Is To Me – Werkschau von Isaac Julien im K21

Isaac Julien setzt sich seit den 1980er Jahren in seinen filmischen Arbeiten mit drängenden Themen der Gegenwart auseinander: Rassismus, Kolonialismus, Queerness und Migration. Die Kunstsammlung NRW zeigt im K21 eine Werkschau, die von den ersten Arbeiten aus Juliens Studienzeit bis zu seiner neusten Arbeit „Once Again … (Statues Never Die)“ von 2022 reicht. Faszinierend ist, wie Julien es versteht den schwergewichtigen Themen Leichtigkeit zu verleihen, in dem er durch den Einsatz von Tanz, Musik und Poesie in seinen Filmen eine einnehmende Atmosphäre kreiert.

Museumswand mit dicht auf dicht gehängten Schwarzweiß Szenenfotos, davor ein Monitor, auf dem der Film läuft.
K21: Szenenbilder aus „Who killed Colin Roach?“ und Fotografie „What Freedom is to me“ (links).

Isaac Julien, 1960 in London geboren, lebt im Wechsel in London und Santa Cruz, Kalifornien. Noch während seiner Zeit am St. Martins College in London entscheidet er sich mit dem Medium Film zu arbeiten, auch weil er sich nicht als Solokünstler sieht, sondern das gemeinsame Arbeiten und den Austausch mit anderen bevorzugt. Die Kooperation mit anderen Künstler*innen und Kreativen aus unterschiedlichen Disziplinen betrachtet er nicht nur als reizvoll, sondern als Bereicherung für sein Leben und seine Arbeit. „Who killed Colin Roach?“ aus dem Jahr 1983 ist Isaac Juliens erster Film und gehört mit weiteren Werken aus den achtziger Jahren ebenfalls zur Ausstellung. Das Erstlingswerk ist hinsichtlich der Thematik, mit der sich Julien seitdem immer wieder aufs Neue auseinandersetzt, prägend. Colin Roach war ein 21-jähriger Schwarzer, der im Eingang einer Polizeiwache im Londoner Stadtteil Hackney erschossen wurde. Die Polizei behauptete, es handle sich um Selbstmord, obwohl alle Indizien das widerlegten. Isaac Julien zeigt in seinem Film Fragmente der Proteste, Interviews mit der Familie des Erschossenen und Aktivistinnen. Ähnlich wie der Tod von George Floyd in 2020 oder von Trayvon Martin in 2012 in den USA lösten die Umstände des Todes von Colin Roach in Großbritannien Proteste und Solidaritätsbekundungen aus. Rassismus, die Degradierung von People of Colour, Queerness sind zwar zentrale Anliegen, dennoch lässt Isaac Julien es von Anfang an nicht zu, in die Schublade Schwarzer, queerer Filmemacher abgeschoben zu werden.

Eine Frau, die von einem roten Schal von oben bis unten eingehüllt ist, der den Tanzbewegungen folgt.
„Lina Bo Bardi – A Marvellous Entanglement“

„Es gibt vielfältige Identitäten, die die bislang statische Ordnung mit Leidenschaft und Schönheit infrage stellen sollten.“1 Das erklärte Julien sehr vorausschauend bereits 1988. Mit untrüglichem Gespür für Ästhetik und Zeitgeist bildet er dies in seinen Filmen ab. Inhaltlich fundiert, schafft er Zusammenhänge, die man so vielleicht noch nicht gedacht hat. Legt den Spot auf historische Figuren, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Bis ins kleinste Detail sind die Filme inszeniert, ausgestattet, bildgewaltig und absolut fesselnd. Und Schönheit ist auf vielen Ebenen in der Ausstellung zu entdecken – auch in den verschiedenen Ausstellungsräumen. Drei Räume strahlen einladend in Rot, Blau und Grün − mit ihren großen Screens schaffen sie eine passende Bühne für die cineastisch angelegten Filmarbeiten.

Schwarzweiß Aufnahme von einer Intallation aus mehreren lichtdurchlässigen Leinwänden, auf denen ein Film in Schwarzweiß zu sehen ist.
„Once Again … (Statues Never Die)“

Die jüngste ausgestellte Arbeit stammt von 2022. In „Once Again … (Statues Never Die)“ thematisiert Julien, wer die Deutungshoheit über Kunst hält. Im Mittelpunkt steht ein Dialog zwischen Alain Locke (1885 – 1954) und Albert C. Barnes (1872 – 1951). Locke, amerikanischer Philosoph, konnte als erster Schwarzer mit einem Rhodes-Stipendium an der Oxford Universität in Großbritannien studieren und gilt als Vater der Harlem Renaissance, einer von afroamerikanischen Künstler*innen geprägten Bohème in den 1920er Jahren. Albert C. Barnes war ein US-amerikanischer Kunstsammler und Gründer der Barnes Foundation in Philadelphia. Barnes gilt als der bedeutendste Sammler afrikanischer Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Präsentation dieser Arbeit unterscheidet sich wesentlich von den anderen und ist eine raumfüllende Installation, für die mehrere lichtdurchlässige Screens von der Decke hängen. Durch die Anordnung entsteht eine Art Manege. Die teils verspiegelten Wände und Säulen reflektieren den in Schwarzweiß gedrehten Film, wodurch sich die Bilder Spiegelkabinett-artig vervielfältigen. Dabei ist fast durchgehend „Once again, I begin …“ der Sängerin Alice Smith zu hören. Das Zusammenspiel aller Komponenten entwickelt eine geradezu hypnotische Wirkung.

Zeit – die sollten Besucher*innen mitbringen, denn die Länge der einzelnen Filme reicht von vier bis hin zu fast 50 Minuten. Es ist daher eine Überlegung wert, für Isaac Juliens Ausstellung „What Freedom Is to Me“ mehrere Besuche einzuplanen.

kunstsammlung.de

1 Isaac Julien, zitiert in „Aesthetics an Politics: Working on Two Fronts?“, in Undercut, Nr. 17, Frühjahr 1988, S. 36. (Aus dem Isaac Julien Ausstellungskatalog der Kunstsammlung NRW)

Tipp: Mit dem Ticket Art:walk 48 habt ihr zwei Tage (48 Stunden) Zutritt zu sechs renommierten Kunstmuseen in Düsseldorf. Dazu zählt auch das K21. Damit könnt ihr nicht nur die Ausstellung „Once Again … (Statues Never Die)“ von Isaac Julien in aller Ausführlichkeit genießen, sondern außerdem Ausstellungen in: K20, Kunsthalle, Kunstpalast, NRW Forum und KIT.

Text: Cynthia Blasberg
Aufmacherfoto: Portrait von Isaac Julien, Fotograf: Thierry Bal
Weitere Fotos: Presse


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