„Ich finde es bemerkenswert, dass die Stadt und das Land NRW so stark in Kultur investieren. Das ist nicht selbstverständlich und ein echtes Bekenntnis zu Kunst und Demokratie.“ (Sophie Stockinger)
Sophie Stockinger gehört zu den spannendsten jungen Gesichtern des Düsseldorfer Schauspielhaus. Die gebürtige Wienerin ist seit der Spielzeit 2022/23 fest im D’haus Ensemble und begeistert mit intensiven, klugen Rolleninterpretationen – ob als Viola in Shakespears Komödie Was Ihr Wollt oder als die dem Tod geweihte Chloé in Die Gischt der Tage. Wir haben die 27-Jährige im Düsseldorfer Schauspielhaus getroffen, wo Sophie Stockinger uns von ihrem frühen Start auf der Bühne, im TV und der Faszination des Theaters erzählte. Und warum sie Düsseldorf inzwischen ins Herz geschlossen hat.

Du hast sehr früh mit dem Schauspiel begonnen und warst Teil von Theatergruppen in Wien. Du hast an der renommierten Schauspielschule Ernst Busch in Berlin studiert, bevor dein erstes Engagement am Düsseldorfer Schauspielhaus begann. Gab es einen Schlüsselmoment, in dem dir klar wurde: Schauspiel – das ist mein Beruf?
Am Anfang war es nur ein Hobby – ich habe einfach unglaublich gern gespielt. In der Grundschule haben wir in einem Schulprojekt Ein Sommernachtstraum aufgeführt. Ich wollte eigentlich Helena oder Hermia spielen, habe mich aber nicht getraut und wurde Erzählerin. Da war ich etwa zehn, und seitdem hat mich das Theater nicht mehr losgelassen. Mit 17 habe ich dann meinen ersten Film gedreht und stand schon während der Schulzeit regelmäßig vor der Kamera. Ich erinnere mich, dass ich am Tag meines Englischabiturs direkt nach der Prüfung ans Set gefahren wurde. Ich drehte damals einen Zweiteiler über das Hotel Sacher in Wien. Da wurde mir klar: Damit kann man tatsächlich seinen Lebensunterhalt verdienen. Als ich erfahren habe, dass man Schauspiel sogar studieren kann, war das wie eine Initialzündung. Im Rückblick begleitet mich dieser Wunsch aber schon seit meiner Kindheit – in dem Steckbrief meiner Grundschule stand schon damals bei Berufswunsch: Schauspielerin.
Du spielst sowohl Theater als auch Film. Was bedeutet dieser Wechsel für dich?
Beides hat eine ganz eigene Magie. Beim Film fasziniert mich das Feine, das Nuancierte. Eigentlich darf man gar nichts ’spielen‘, die Kamera sieht ohnehin alles. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung, weil man nie chronologisch dreht – man muss also genau wissen, wann welche Szene kommt und wo die Figur gerade in ihrer Entwicklung steht. Am Theater dagegen erlebt man die Entwicklung einer Figur live, an einem Abend. Man probt wochenlang, füttert sich mit Eindrücken, schaut Filme, geht ins Museum – all das fließt ein in die Arbeit. Der Körper speichert es ab, für die Figur und diesen Moment auf der Bühne. Und im Theater spürt man dann diese unmittelbare Energie, das Zusammensein von Publikum und Ensemble.

Was fasziniert Menschen am Theater – insbesondere in einer Zeit, in der durch Streaming und KI digitale Angebote dominieren?
Ich finde, Theater ist und bleibt etwas ganz Besonderes. Theater gibt es seit über 2000 Jahren – und ich wünsche mir sehr, dass es uns auch in Zukunft erhalten bleibt. Dieser Live-Moment, in dem Menschen gemeinsam in einem Raum sind und etwas Unwiederholbares erleben, ist einzigartig. Das ist etwas, was keine künstliche Intelligenz, kein Algorithmus und kein Bildschirm je ersetzen kann. Vielleicht ist genau das das große Alleinstellungsmerkmal des Theaters – dass es uns davor bewahrt, nicht allzu bald von Robotern ersetzt zu werden.
Wie näherst du dich einer Rolle an?
Ich bin ein Kopfmensch und arbeite sehr nah am Text. Die klassischen Fragen helfen mir: Was ist die Situation, was will die Figur, was steht auf dem Spiel? Ich recherchiere viel, schreibe mir Gedanken auf und lerne Text, indem ich ihn immer wieder handschriftlich notiere. Gleichzeitig muss man das intellektuelle Konstrukt irgendwann loslassen und ins Spiel finden, vom Kopf in den Körper – das ist der schönste Moment.

Du stehst im D’haus aktuell in mehreren Produktionen von Regisseurin Bernadette Sonnenbichler auf der Bühne. Was bedeuten dir die Rollen, die sie dir anvertraut hat?
Was ich an Bernadette Sonnenbichler besonders schätze, ist, dass sie immer wieder mit unterschiedlichen Teams arbeitet – mal andere Bühnenbildner*innen, dann Choreograf*innen oder auch Musiker*innen. Das bringt jedes Mal neue Perspektiven und Energie in die Arbeit, und das finde ich sehr bereichernd. Sie hat mir außerdem großes Vertrauen geschenkt und mir zwei wunderbare Rollen gegeben: Chloé in Die Gischt der Tage und Viola in Was Ihr Wollt. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Gischt der Tage nach Boris Vian ist stark vom Surrealismus und Existenzialismus geprägt – eine poetische, sinnliche Welt, in der ich eine junge Frau spiele, die sich verliebt und dann schwer erkrankt. Bei Was Ihr Wollt ist es ganz anders: Shakespeare pur, aber erstaunlich modern. Viola verkleidet sich als Mann, ringt mit Identität, mit den Erwartungen anderer – ein Konflikt, der heute genauso aktuell ist wie damals.
Gibt es eine Rolle oder ein Stück, dass dich sehr bewegt hat?
Ja, die Arbeit an Amphitryon mit Milena Michalek. Das war eine intensive, fast philosophische Auseinandersetzung mit Kleist und der Frage, was Theater heute bedeutet. Und Die Orestie – Nach dem Krieg von Stas Zhyrkov war bewegend. Wir haben mit ukrainischen Schauspieler*innen gearbeitet, eine große ukrainische Community saß im Publikum und man hat richtig gemerkt, wie wichtig der Abend für diese Menschen ist. Es hat mich als Schauspielerin extrem erfüllt, als mir klar wurde, wie sehr Theater auch gesellschaftlich wirken kann.

Gibt es eine Rolle, die du unbedingt einmal spielen möchtest?
Ja, Hedda Gabler von Ibsen. Ich habe mich schon in der Schauspielschule intensiv damit beschäftigt und diese Figur lässt mich einfach nicht los. Und Maria Stuart. Zwei völlig verschiedene Frauen, beide faszinierend. Außerdem würde ich gern einmal etwas von Elfriede Jelinek machen. Als Österreicherin habe ich vielleicht einen besonderen Zugang zu ihrer Sprache.
Und mit wem würdest du gerne einen Film drehen?
Ich liebe Filme, die hinter die Fassade blicken, ein bisschen unkonventionell sind – also eher Arthouse. Sandra Hüller ist für mich da ein großes Vorbild. Sie ist sowohl im Film als auch auf der Bühne beeindruckend. Mit ihr zu arbeiten wäre ein Traum.
Was ist für dich das Besondere am Düsseldorfer Schauspielhaus?
Ganz ehrlich: das Publikum. Die Menschen in Düsseldorf sind unglaublich treu und interessiert. Es ist total schön zu sehen, wie gerne sie ins Theater gehen. Und natürlich hat das Haus großartige Voraussetzungen – von den Gewerken bis zu den technischen Teams. Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass die Stadt und das Land so stark in Kultur investieren. Das ist nicht selbstverständlich und ein echtes Bekenntnis zu Kunst und Demokratie.

Wie erlebst du Düsseldorf als Stadt? Vermisst du manchmal etwas aus Wien – und was hast du hier vielleicht dazugewonnen?
Ich vermisse manchmal die Wiener Kaffeehäuser und die Architektur, aber Düsseldorf hat mich mit seiner kulturellen Vielfalt überrascht. Die Kunstsammlung NRW ist herausragend. Auch der Kunstpalast und die Kunsthalle sind Orte, an denen ich viel Zeit verbringe. Ich bin oft in der Tonhalle und der Oper und liebe die kleinen Filmkunstkinos, diese alten Säle mit Charakter. Und ich finde es toll, wie zentral Düsseldorf liegt. Man ist so schnell in Köln, Bochum, in den Niederlanden oder sogar in Paris – das ist Luxus.
Wo tankst du in Düsseldorf auf? Hast du Orte, an denen du gerne bist, wenn du nach Proben oder Vorstellungen einfach mal runterkommen möchtest?
Ich wohne in Pempelfort und bin viel im Zoopark, der ist zu jeder Jahreszeit schön. Mein Lieblingscafé ist das Bistro Zicke nahe der Rheinuferpromenade – kein Geheimtipp, aber sehr gemütlich. Außerdem spiele ich gern Tennis, meistens bei Cosmo Sports in Gerresheim. Und essen gehe ich gern bei mir um die Ecke beim großartigen Perser Massi oder beim Japaner Sumi, der hat richtig gutes Sushi.

Und wenn du Besuch aus Wien bekommst, was zeigst du deinen Gästen?
Zuerst natürlich das Schauspielhaus! Mich fasziniert die Architektur, der Kontrast zwischen dem runden Bau des D’hauses und dem strengen Dreischeibenhaus daneben. Zum Spazieren nehme ich alle mit an die wunderschöne Rheinuferpromenade, die ja früher eine Stadtautobahn war – unvorstellbar heute! Und dann, ganz klar, zum Window-Shopping auf die Kö.
Was steht bei dir als Nächstes an?
Ich habe in Düsseldorf eine tolle Spielzeit vor mir: Die Nashörner von Ionesco unter der Regie von Selen Kara, das im Dezember Premiere feiert und dann, im Februar 2026, Krieg und Frieden mit Tilmann Köhler. Das wird ein großes Projekt, teilweise im Central aufgeführt. Und dann schauen wir, wo es mich hin verschlägt – im Theater ist es ja so, dass man immer wieder neu ausbricht.
Text: Karolina Landowski
Fotos: Kristina Fendesack
Szenenfotos: Düsseldorfer Schauspielhaus
