Zu Besuch im zakk Düsseldorf – Miguel Passarge über die Musikstadt Düsseldorf, Lieblingsplatte & Boybands

„Dass die Antilopen Gang zu uns ins zakk Düsseldorf kommt, ist toll – die spielen auf der gleichen Tour in Berlin vor 20.000 Menschen.“

Miguel Passarge ist musikalischer Leiter im zakk Düsseldorf. Er verantwortet somit das Booking in einer der wichtigsten Eventlocations der Stadt. Konzerte wie Antilopen Gang oder Wolfmother sind ratzfatz ausverkauft. Ebenso haben System of a Down im neuen Open Air Park Düsseldorf binnen kürzester Zeit 80.000 Tickets verkauft. Düsseldorf wird zur City of Live: Robbie Williams, Bad Bunny, Die Toten Hosen, Broilers, Pitbull und nicht zuletzt die Residency der Backstreet Boys im September signalisieren eine Trendwende in Sachen Livemusik. Die Landeshauptstadt generiert sich zu einem der wichtigsten Konzert-Spots Deutschlands, vielleicht sogar Europas. Wir haben Miguel getroffen und mit ihm darüber gesprochen, was dieser fulminante Musiksommer für die Stadt bedeutet. Außerdem hat Miguel uns verraten, dass er kein Boyband-Typ ist, er es aber super findet, wenn ein Musiker wie Bad Bunny in Düsseldorf spielt und die Stadt on the map bringt.

zakk Düsseldorf: Man sieht eine große Zuschauermenge vor der Bühne von weit oben aufgenommen.

Miguel, es ist D.Live gelungen, im Rahmen von City of Live viele große Namen auf Düsseldorfer Bühnen zu holen. Wie siehst du diese Entwicklung?
Die sehe ich zunächst einmal sehr positiv. Ich beobachte, dass sich die Konzertlandschaft seit der Pandemie extrem verändert hat. Das Publikum folgt einem Trend zu Mega-Events, wahrscheinlich hat vielen Menschen während Covid das Massenerlebnis und das Gemeinschaftsgefühl gefehlt, das sie jetzt endlich wieder zelebrieren möchten. Als Bad Bunny in Düsseldorf gespielt hat, war das in der ganzen Stadt sichtbar.

Du bist seit 30 Jahren als Booker tätig. Wie hat sich die Eventbranche in den letzten Jahren verändert?
Als Musikfan war man vor einigen Jahren stolz darauf, wenn man eine kleine Band entdeckt hatte. Das scheint inzwischen kein Qualitätssiegel mehr zu sein. Heutzutage ist es möglich, die Backstreet Boys zehnmal hintereinander in einer ausverkauften Arena spielen zu lassen. Im zakk Düsseldorf kämpfen wir währenddessen bei coolen, teilweise internationalen Acts darum, dass 100 Leute zu einem Konzert kommen. Ich wünsche mir, dass das Publikum wieder neugieriger und offener wird, um auch junge Künstler*innen zu unterstützen.

Die Künstlerin Peaches wird von den Zuschauern getragen, sie steht dabei auf den Händen der Zuschauer*innen.

Lieblinglingsplatte Festival 2022: Peaches wird von den Zuschauer*innen getragen.

Es gibt zahlreiche Bands, die in Düsseldorf große Karrieren gestartet haben. Wie kann das City of Live -Konzept deiner Ansicht nach der örtlichen Musikszene und Subkultur zugutekommen?
Ich denke, dass sich Düsseldorf das Image als Musikstadt mehr auf die Fahnen schreiben sollte. Mit Kraftwerk kommt eine der wichtigsten Elektronikgruppen aller Zeiten aus Düsseldorf. Und ist auch internationalen Künstler*innen ein Begriff. Mit den Toten Hosen haben wir zudem die aktuell wohl größte deutsche Band in der Stadt. Hinzukommen Legenden wie DAF oder Fehlfarben. Es ist insgesamt eine tolle Musikgeschichte, die erzählenswert ist.

Wie könnte man die Erzählung gestalten?
Ein Beispiel: Der Salon des Amateurs war zeitweise einer der angesagtesten Clubs Europas. Damit kann man die Wahrnehmung von Düsseldorf als Musikstadt schärfen und auch Künstler*innen der jüngeren Generation erzählen. D.Live hat ein schlüssiges Konzept ausgerollt und bringt tolle Musiker*innen wie Bad Bunny in die Stadt. Im Moment ist Bad Bunny möglicherweise nicht nur der größte globale Star, sondern zudem ein wirklich cooler und politischer Künstler, der für Modernität steht. Und wenn man so jemanden nach Düsseldorf holt und die Stadt damit on the map bringt, ist das super!

Fresh Family Reunion im zakk Düsseldorf: Man sieht die HipHopper auf der Bühne.

Reunion einer Düsseldorfer HipHop-Legende: Fresh Familee, 2023 im Rahmen des Lieblingsplatte Festivals.

Wie ordnest du die Acts, die im Rahmen von City of Live zu sehen sind, ein? Besuchst du eines der Konzerte?
Ich gebe offen zu, dass ich mit Boybands, und damit mit den Backstreet Boys, noch nie etwas anfangen konnte. (Lacht.) Alle anderen Acts finde ich allerdings cool. Ich war auf einem der Hosen-Konzerte, die Band hatte mich netterweise eingeladen. Die Jungs sind oft als Gäste im zakk und sehr nahbar, und da die Hosen ihr Büro auf der Ronsdorfer Straße haben, sind wir sozusagen Nachbarn. Die Hosen haben nach wie vor einen klaren Düsseldorf-Bezug, man trifft sie zum Beispiel im Café um die Ecke. Das finde ich sehr sympathisch.

Wenn du es dir aussuchen könntest, ob du die Toten Hosen im Stadion oder bei einem exklusiven Clubkonzert siehst, wofür würdest du dich entscheiden?
Definitiv für das Clubkonzert, wobei ich die Band auch im Stadion absolut respektabel finde! Ich habe als Jugendlicher in den 80er Jahren angefangen, die Hosen zu hören. Geht man auf ein Hosen-Konzert, zieht die eigene Biografie an einem vorbei. Die Hosen haben immer wieder neue Hits wie Tage wie diese. Das Lied lief bei der Verabschiedung meiner Tochter aus dem Kindergarten. Es hat dazu geführt, dass bei allen Eltern die Tränen liefen. Das muss man als Band erst einmal leisten!

"Mut, Liebe, Rebellion": Tag an der Backsteinaußenfassade des zakk.

Am 10. Juli feiert der Open Air Park mit System of a Down und Queens of the Stone Age seine Eröffnung. Was hältst du von derLocation? Brauchen wir neben Merkur Spiel-Arena und PSD BANK Dome einen weiteren großen Veranstaltungsort?
Der Open Air Park wird definitiv noch ein anderes Erlebnis liefern können. Ich persönlich bin kein Fan von Massenveranstaltungen, mein Job ist es, kleine Clubkonzerte zu machen. Und die schätze ich, weil sie eine Intimität transportieren, die man in einem Stadion nicht haben kann. Trotzdem finde ich die Möglichkeit cool, dass im Open Air Park in Düsseldorf 80.000 Menschen große Acts sehen können.

Das zakk Düsseldorf hat ein ebenso facettenreiches wie fein ausbalenciertes Programm: Im Juli spielt die Antilopen Gang, und gleichzeitig gibt es Weltmusik von Derya Yildirim & Grup Simsek. Hinzu kommen Veranstaltungen wie Flamenco-Abenden und auch politische Workshops. Nach welchen Kriterien findet euer Booking statt?
Vielfalt ist mir tatsächlich sehr wichtig. Zudem haben wir jedes Jahr 80 bis 100 Newcomer*innen auf der Bühne stehen. Wir wollen eine große Bandbreite abdecken, lokale, aber auch internationale Künstler*innen einladen. Beim zakk-Straßenfest bespielen wir zudem eine Open-Air-Stage und organisieren viele Festival-Formate. Dass die Antilopen Gang zu uns kommt, ist natürlich toll – die spielen auf der gleichen Tour in Berlin vor 20.000 Menschen. Im August ist Thees Uhlmann im zakk, der aktuell als Support mit den Hosen unterwegs ist. Diese Künstler*innen fühlen sich wohl bei uns, was uns freut. Und das zakk kann ihnen einiges bieten: die Kneipe mit 100 möglichen Gästen, den Club für bis zu 250 Personen und die Halle, in die ein Publikum von bis zu 800 Leuten passt.

Man sieht den Biergarten des zakk. Es ist Sommer und man sieht eine Bühne mit zwei Künstlern sowie Publikum.

2024: Edelweißpiratenfestival.

Ihr bedient unterschiedliche Genres und bietet außerdem Newcomer*innen, Held*innen der Subkultur sowie etablierten Bands und Punk-Legenden eine Bühne. All das kulminiert für mich in eurem Format Lieblingsplatte Festival: Eine Band mit Legendenstatus spielt im zakk eines ihrer Alben, dass für viele im Publikum eine Lieblingsplatte ist. Wie kam es zu dieser fantastischen Idee, die zumindest in Deutschland einzigartig ist?
Es gab in den Nullerjahren in London eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel All Tomorrow’s Partys, bei der coole Indie-Künstler*innen wie Sonic Youth oder J Mascis von Dinosaur Jr. als Kurator*innen befreundete Bands einluden, ganze Alben zu spielen. Das fand ich schon damals eine coole Sache: eine Platte mal gezielt zu performen. Und diese Idee habe ich ins zakk Düsseldorf mitgenommen. Viele haben nicht an das Format geglaubt – aber es hat funktioniert.

Wie gelingt es dir jedes Jahr aufs Neue, Bands für dieses Festival zu gewinnen?
Zunächst einmal: Booking ist kein Wunschkonzert. Manche denken, das sei vergleichbar mit dem Zusammenstellen einer Spotify-Playlist. Aber es hängt natürlich wesentlich mehr daran: Termine, Geld, Logistik … Ich darf leider noch nicht verraten, wer in 2026 dabei ist, nur so viel: Es sind wieder genug Bands zusammengekommen. Daher ist beim Lieblingsplatte Festival auch noch kein Ende in Sicht. Ich mache so lange weiter, wie man mich lässt. (Lacht.) Und weil wir in diesem Jahr das zehnte Jubiläum feiern, haben wir das Festival um zwei Konzerte und auf zehn Tage erweitert.

Foto: Michael Corleone

Wer entscheidet, was eine Lieblingsplatte ist?
Das gesamte Team ist an der Auswahl beteiligt. Gute Beziehungen zu den Bands sind natürlich sehr wichtig, weil man sie manchmal überreden muss. Die meisten Künstler*innen treten zwar sehr gerne bei uns auf, trotzdem ist es ihnen aus verschiedenen Gründen zu anstrengend, ein komplettes Album zu spielen. Sie müssen sich zum Beispiel die Texte noch einmal neu draufschaffen oder fühlen das Album inhaltlich nicht mehr. Für uns ist wichtig, dass die Lieblingsplatte nicht das aktuelle Album ist – das wäre witzlos. Die Platte muss ein Klassiker sein.

Nach welchen Kriterien wählt ihre denn Künstler*innen und Platten aus?
Wir versuchen, offen zu bleiben und mit der Zeit zu gehen und nicht zu männlich dominiert zu sein. Wir haben beispielsweise Nina Hagen gefragt, ob sie eins ihrer Alben aus den 1970ern spielen möchte, sie wollte aber leider nur ihre aktuelle Platte aufführen. Bei jüngeren Acts ist Grundvoraussetzung, dass ihr Album Relevanz hat, was es aber auch schon nach wenigen Jahren erlangen kann.

zakk Straßenfest: Jedes Jahr ein Highlight.

Lässt du bei den Anfragen deine Beziehungen spielen?
Teilweise kenne ich Bands persönlich und sie freuen sich, wenn ich sie frage. Andere melden sich mittlerweile selbst bei mir, weil sie das Festival-Format toll finden. Um auch jüngere Bands zu berücksichtigen, frage ich unsere Volontärin oder meine Kinder.

Wen möchtest du seit Jahren buchen, hat aber noch nicht zugesagt?
Es ist kein Geheimnis, dass ich die Toten Hosen in zeitlichen Abständen immer mal frage, ob sie nicht ihr Debüt Opel Gang beim Lieblingsplattefestival spielen wollen. Und Kraftwerk wär toll, aber daran werde ich mir wohl die Zähne ausbeißen. (Lacht.)

Lieblingsplatte Festival 2025: Rainbirds

Und welchen Act würde der Musikfan Miguel gerne D.Live für eine der großen Düsseldorfer Venues vorschlagen?
Ich bin ein Riesenfan von Bob Dylan, der im Alter von 85 Jahren immer noch tourt. Oder Blur!

Und wo in Düsseldorf kann man dich privat auf einem Konzert treffen?
Ich finde den Pitcher in Friedrichstadt super. Andreas Kalus und sein Team machen ihre Arbeit mit viel Passion und Liebe, so etwas respektiere ich sehr. Und ich gehe auch immer mal wieder in den Salon oder in den Ratinger Hof.

Weitere Informationen unter zakk.de.

Text: Katja Vaders
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von zakk Düsseldorf
Aufmacherfoto: Michael Corleone


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