Ein Abbau der Barrieren im FFT Düsseldorf
Das Forum Freies Theater, oder kurz, FFT Düsseldorf, ist 2021 in das KAP1 am Hauptbahnhof gezogen. Gegründet wurde es 1999. Das FFT Düsseldorf ist international mit Theatern und Produktionshäusern vernetzt und bietet Künstler*innen-Kollektiven eine Bühne. Darüber hinaus fördert es Nachwuchs, steht im Austausch mit Schulen wie dem Düsseldorfer Goethe Gymnasium und ist Teil eines Bündnisses internationaler Produktionshäuser. Und das FFT Düsseldorf arbeitet Barrierefreiheit und Inklusion immer weiter aus. Abgesehen von barrierefreien und rollstuhlgerechten Angeboten, sind die Bühnen mit einer induktiven Höranlage ausgestattet und auch ein Ruheraum steht zur Verfügung. Wir haben Katja Grawinkel-Claassen im KAP1 getroffen und uns Angebote wie Relaxed Performances erklären lassen.


Der Ruheraum im FFT Düsseldorf inklusive Stim Toys.
Ein samtig grünes Sofa und ganz weich … so steht es in einem länglichen Raum. Ein bodentiefes Fenster gibt den Blick frei über den Düsseldorfer Bahnhofsplatz. Vor dem Fenster steht ein sonnengelber Sessel. Über einer Lampe hängen Lärmschutz-Kopfhörer, darunter eine Box mit Stim Toys, das sensorische Spielzeug. Seit rund einem Jahr gibt es diesen Ruheraum für neurodivergente Menschen im FFT Düsseldorf.
Wohlfühlen für alle
Den Abbau von Barrieren schreibt sich das Theater nicht grundlos auf die Fahne, dafür verantwortlich ist die Dramaturgin Katja Grawinkel-Claassen: „Ich habe mich in den vergangenen Jahren intensiv mit den Bedarfen auseinandergesetzt.“ Denn das Thema Audience Development* fällt in ihre Zuständigkeit. Die grundlegende Frage, mit der sie sich beschäftigt: Wie können sich möglichst viele Menschen im FFT Düsseldorf gut aufgehoben fühlen? Dafür hat sie sich in das Thema Access eingelesen. Access kann man in dem Kontext gut mit Zugang übersetzen. Im Kulturbereich ist mit Access die generelle Barrierefreiheit gemeint. Katja hat viele Gespräche geführt, um herauszufinden, welche Bedarfe die Betroffenen haben. „Das Thema Mobilität wird seit dem Umzug in unser neues Gebäude sehr gut bearbeitet“, sagt sie.

Das KAP1 am Konrad-Adenauer-Platz beheimatet nicht nur die Zentralbibliothek, sondern auch das Forum Freies Theater. Die ehemalige Postzentrale wurde mit großem Aufwand umgebaut, um den beiden Institutionen einen sachgerechten Rahmen zu liefern. Die Spielstätten des FFT Düsseldorf teilten sich vorher auf zwei Orte auf, die beide nicht ideal für die Aufführungen waren. Ebenso ausbaufähig war die Barrierefreiheit in beiden Spielstätten. Jetzt ist alles im ersten Stock des KAP1 und mit einem rollstuhlgerechten Aufzug erreichbar, breite Türen erleichtern den Zugang und barrierefreie Toiletten stehen natürlich auch zur Verfügung. Auch die Mitarbeiter*innen profitieren von der neuen Location, wie die Tänzer*innen, die endlich einen mitschwingenden Tanzboden haben, der die Gelenke schont. Ohnehin sind die zwei Bühnen mit moderner Technik ausgestattet. Hinzukommen ein einladendes Foyer mit Bar, eine Probebühne, eine kleine Werkstatt und auch Büros für die Mitarbeitenden.

Ankündigung von Trotzdem tanzen, einer Performance für Taubes und Hörendes Publikum ab acht Jahren von Pulk Fiktion umgesetzt mit Tauben Performerin Pia Katharina Jendreizik sowie dem Tauben Deaf Coach und Choreografen Dodzi Dougban.
Menschen mit Hörgeräten profitieren von der induktiven Höranlage. „Auf beiden Bühnen haben wir Induktionsschleifen in die sich Nutzer*innen von Hörgeräten einwählen können“, sagt Katja Grawinkel-Claassen. Wichtig ist, Plätze auszuwählen, die guten Empfang haben. Auf den erhöhten Tribünen reicht dieser bis Reihe drei. Das Personal im FFT Düsseldorf hilft bei Fragen gerne weiter. Zusätzlich erhalten Besucher*innen mit Schwerbehindertenausweis (ab 50 Prozent) ein ermäßigtes Ticket, für ihre Begleitpersonen ist der Eintritt frei. Das gilt auch für Begleitpersonen von Rollstuhlfahrer*innen. Assistenzhunde sind ebenfalls willkommen, müssen aber im Vorfeld angemeldet werden.

Dramaturgin Katja Grawinkel-Claassen
Kleine Maßnahme, große Wirkung
Doch nicht nur im Bereich der physischen Barrierefreiheit ist man im FFT Düsseldorf gut aufgestellt. „Auch in anderen Bereichen arbeiten wir sehr viel, auch wenn das oft deutlich komplizierter ist“, so Katja Grawinkel-Claassen. Die Dramaturgin und ihr Team setzen beispielsweise die Einbindung von Leichter Sprache in die Programmtexte um. „Die Übersetzung unserer Programmtexte übernehmen Profis, denn oft sind Texte mit kulturellen Themen eher kompliziert formuliert. Das Herunterbrechen in Leichte Sprache hilft, Barrieren für ein neues Publikum abzubauen.“ Daneben bietet das FFT eine Vielzahl von kleineren Maßnahmen, um ein möglichst breites Publikum im Theater willkommen zu heißen. Ab der kommenden Spielzeit können Sitzsäcke im Theater gebucht werden und es gibt sogenannte Relaxed Performances. „Bei Relaxed Performances ist Stillsitzen keine Pflicht. Das Publikum darf während der Vorstellung den Raum verlassen und wieder betreten und es gibt zum Beispiel sanfte Lichtwechsel“, erklärt die Dramaturgin.

Ein Jahr FFT Düsseldorf. Foto: Christian Knieps
Eine zentrale Frage ist: Was kann ein Theater, eine Kultureinrichtung leisten, um möglichst vielen Menschen den Aufenthalt angenehm zu gestalten. Dazu zählen Lautstärke, Beleuchtung und auch Inhalte, die vorab Triggerwarnungen enthalten müssen. „Solche Warnungen werden wir bald auf unserer Seite im Programm platzieren“, erläutert Katja. Zunächst sind klickbare Dropdown-Menüs geplant, damit Besucher*innen auch ohne Triggerwarnung in die Aufführung gehen können. Aber auch auf der künstlerischen Seite beschäftigt man sich im FFT Düsseldorf eingehend mit Zugang und Barrieren. Darum gastiert das inklusives Theaterensemble Meine Damen und Herren regelmäßig. Die Gruppe besteht aus Schauspieler*innen mit unterschiedlichen kognitiven Voraussetzungen und entwickelt seit 2019 ihre Stücke ohne externe*n Regisseur*in als Kollektiv komplett selbst.

Ab September 2026 im FFT: Shift The Vibe. Szene aus Sieg über die Sonne. Foto: Siim Vahur
Als Dauergast kann man Claire Cunningham bezeichnen. Die schottische Choreografin und Performerin zählt zu den gefragtesten Künstlerinnen der internationalen Tanz- und Performanceszene. Cunningham, die mit ihren Krücken tanzt, nutzt diese nicht als Hilfsmittel, sondern hat eine eigene Bewegungstechnik entwickelt, die traditionelle Tanztechniken bewusst ablehnt. Ihre Kunst versteht sie dabei immer auch als Aktivismus. Zuletzt war sie beim Impulse Festival 2025 im FFT mit ihrem Solostück Songs of the Wayfarer zu erleben. Im Rahmen der Spielzeiteröffnung Shift the Vibe wird Claire Cunningham im September 2026 mit 4 Legs Good Remix zu sehen sein.
Wer dann vor oder nach der Aufführung etwas Ruhe braucht, kann den Ruheraum aufsuchen. Und Katja denkt bereits weiter: „Am liebsten würde ich Sensory Bags gefüllt mit Stim Toys, Masken und Ohrstöpseln an der Kasse ausgeben. Damit man das alles auch während der Vorstellung benutzten kann.“ Denn die Arbeit für mehr Access ist noch nicht beendet.
Weitere Informationen unter fft-duesseldorf.de.
Info
* Was bedeutet Audience Development?
In den 90er-Jahren war Audience Development ein Thema für die PR- und Marketingabteilungen. Im Grunde klassisches Marketing zur Steigerung der Besucher*innenzahlen zum Beispiel durch Angebote wie Events. Mittlerweile verstehen Kultureinrichtungen darunter aktive Beziehungsarbeit unter dem Aspekt der kulturellen Teilhabe des Publikums. Dazu zählt auch die Auseinandersetzung mit Barrierefreiheit und Inklusion.
Du willst teilhaben?
Das FFT Düsseldorf lädt jeden zweiten Freitag im Monat zum Kultur-Frühstück ein. Im Foyer kann man Künstler*innen und anderen Gästen begegnen, sich über neue Stücke informieren und austauschen – und frühstücken.
Weitere Informationen unter Kultur-Frühstück.
Text: Clemens Henle
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung des FFT Düsseldorf.
Aufmacherfoto: Claire Cunningham, schottische Choreografin & Performerin
